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Aus der Sicht einer einzigartigen Schülerin

GemeinsamEinzigartig bringt verschiedene Zielgruppen zusammen; Lehrer*innen, Vorbilder und Expert*innen, sowie Schüler*innen. Wir möchten einen Austausch anregen, daher ist es wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen zu verstehen und die Erfahrungen darzustellen. Wir freuen uns ganz besonders, heute mit Janina über ihre eigene Geschichte zu sprechen.


GE: Liebe Janina, vielen Dank für deine Zeit! Könntest du dich einmal kurz vorstellen und dich und deinen Schulweg beschreiben?

J: Ich habe zu danken! Mein Name ist Janina, ich bin 21 Jahre alt und habe dieses Jahr mein Abitur geschrieben. Im Vergleich zu Gleichaltrigen war ich spät dran, ganze drei Jahre - das liegt daran, dass ich während meiner Schulzeit viel gefehlt habe. Durch verschiedene Erlebnisse in meiner Kindheit und Jugend habe ich in den letzten Jahren psychische Krankheiten entwickelt, weshalb ich mehrmals stationär in Psychiatrien und Spezialkliniken behandelt werden musste. Diese Aufenthalte, begonnen 2012, führten aufgrund ihrer Dauer dann dazu, dass ich trotz Klinikschule zu viel Unterrichtsstoff verpasst habe und freiwillig zurückgetreten bin, um den versäumten Stoff aufholen zu können. Die Zeit bis zum Abitur und auch die Prüfungszeit waren ein durchgehendes Auf und Ab und ich habe oft daran gezweifelt, es so weit schaffen zu können, aber heute bin ich froh, dass ich durchgehalten und mein Abitur geschafft habe, um im Herbst ein Studium beginnen zu können.


GE: Glückwunsch zu deinem Abitur! Könntest du einmal näher darauf eingehen, wie dein Umfeld in der Schule mit deiner psychischen Erkrankung umgegangen ist? Und wurde das Thema in der Schule behandelt?

J: Dankeschön! Leider musste ich ein Jahr nach meinem ersten Rücktritt die Schule wechseln, weil ich von meinen Klassenkamerad*innen aufgrund meiner Erkrankung und auch der Tatsache, dass ich in einem Kinderheim wohne, gemobbt wurde - sowohl in der Schule, als auch im Internet. Sämtliche Maßnahmen der Schulleitung brachten nicht den gewünschten Erfolg, weshalb ich kurz vor den Pfingstferien von der Schule mit der Bitte, mich auf einer andere Schule anzumelden, freigestellt wurde, weil man die Verantwortung nicht mehr übernehmen konnte und wollte. Ich kam nach den Pfingstferien auf eine katholische Mädchenschule, in der ich nach langer Zeit wieder Wertschätzung und Verständnis erfahren konnte. Man gab mir das Gefühl, willkommen zu sein - der Schulwechsel war demnach das Beste, das mir passieren konnte. Bei Problemen versuchte man rechtzeitig zu intervenieren, ich fand bei allen Mitgliedern der Schulfamilie ein offenes Ohr und Empfehlungen bezüglich Anlaufstellen. Auch die stationären Klinikaufenthalte konnten so geregelt werden, dass das Ziel des freiwilligen Rücktritts in der Intensivierung des Schulstoffs lag und nicht in der Füllung von großen Lücken. Selbst für meine Seminararbeit bekam ich eine Zeitverlängerung. Natürlich bekamen das meine Mitschülerinnen mit, aber die “Sonderregelungen” wurden - im Vergleich zur vorherigen Schule - nie gegen mich verwendet, sondern man versuchte mich irgendwie zu unterstützen und noch Tipps zu geben. Sprich, ich habe sozusagen beide Seiten miterlebt.


GE: Was rätst du anderen Schüler*innen, die sich in einer ähnlichen Situation wie du befinden?

J: Leider gibt es kein Patentrezept, bei dem ich sagen kann, dass man genau diese Schritte befolgen muss und alles wird gut, die Vielfalt, auch in den Schulen, äußert sich schließlich durch all die Individuen in deren Gemeinschaft. Es erfordert viel Mut und Kraft, aufzustehen und sich Hilfe zu holen - eben sich einzugestehen, dass man krank ist und Probleme hat. Das ist ein Prozess, der sehr lange dauern kann. Was ich raten kann, ist, ehrlich zu sich selbst zu sein. Das Leben kam ohne Bedienungsanleitung und es ist okay, wenn man Hilfe von außen benötigt, weil man selbst nicht mehr weiter weiß. Auch wenn es länger dauert als bei Mitschüler*innen, eben weil man mehr Zeit braucht - auch kleine Schritte führen zum Ziel. Außerdem ist das Leben kein Wettrennen. Und auf dieses kommt es an, nämlich auf das Ziel - und sei es noch so klein. Es lohnt sich, auch für kleine Ziele durchzuhalten. Vor allem dann, wenn man gesagt bekommt, dass man es sowieso nicht schafft und sich noch einsamer denn je fühlt. Mir persönlich hat es außerdem geholfen, mal die Meinung meiner Mitmenschen in der Schule auszublenden - was nicht immer einfach war - und das zu tun, was mir gut tut. Sprich, ich bin mit Hausschuhen und Wärmflasche durchs Schulhaus gelaufen, weil es mir geholfen hat, Anspannung zu reduzieren. Zudem habe ich mich versucht einzubringen, indem ich mir in der Schulfamilie eine Aufgabe gesucht habe. Ich war jahrelang Tutorin bzw. Tutorensprecherin und habe den 5.Klassen dabei geholfen, gut in der neuen Schule anzukommen. Dafür habe ich viel Lob, Anerkennung und Wertschätzung erhalten, was mir selbst viel Kraft gegeben hat. Ich habe angefangen Geige zu spielen und war im Schulorchester und in der Gottesdienstband. Zeiten, die mir unfassbar viel Kraft gegeben haben. Genauso wie der Fußball: einfach mal auspowern, gegen den Ball treten und nicht nur die Leute aus der Schule, Familie, … sehen.


GE: Was wünschst du dir, was können die Schulen machen, um Vielfalt darzustellen und Inklusion zu fördern?

J: Es wäre schön, wenn betroffene Mitglieder der Schulfamilie mehr Akzeptanz erfahren würden. Vor allem psychische Erkrankungen werden leider noch zu sehr tabuisiert, was unter anderem daran liegt, dass viele Personen mit der Thematik schlichtweg überfordert sind. Die Anzahl der an psychisch erkrankten Menschen nimmt zu und dementsprechend müssen sich Schulen langfristig gesehen damit auseinandersetzen und sich entsprechend vorbereiten, sei es durch die Installation von Kriseninterventionsteams bzw. festen Ansprechpartnern, durch Fort- oder Weiterbildungen und ähnliches. Ich schätze, dass ein Teil der Angst, etwas falsch zu machen, insbesondere durch Betroffene gemildert werden kann. (Intensiver) Austausch war, ist und bleibt ein Kernelement von Vielfalt und Inklusion und ist daher unabdingbar.


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