• Ulrike Grandi-Haferstroh

Gendersensibler Unterricht in der Grundschule? - Erfahrungsbericht einer Mutter


Die Einschulung ist ein sehr emotionales Ereignis, in fast jeder Familie. Viele Fragen kommen auf bei Eltern und Kindern: Welches Motiv soll auf die Schultüte? Wo werden wir essen? Werden sich meine Schwiegereltern mit meinem Bruder verstehen? Einige Eltern und Kinder machen sich aber noch ganz andere Gedanken, die auch Schulleitungen und Lehrer*innen immer im Hinterkopf haben sollten.


Kurz vor der Einschulung meines ersten Kindes durften wir beide in der künftigen Schule, einer Gemeinschaftsschule mit fortschrittlichem pädagogischen Konzept, hospitieren. Sportunterricht in einer Jahrgangsübergreifenden Klasse, Schüler*innen der 1.–3. Klasse zogen sich um, trudelten in der kleinen Sporthalle ein und bewegten sich sehr selbstverständlich zu Seilen, Rollbrettern, Bällen. Sie fingen selbstständig an, sich spielerisch aufzuwärmen und bezogen meine Tochter sofort mit ein – ich war ganz angetan. Als die Gruppe vollständig war und alle auch mental in der Halle angekommen, klatschte die Lehrerin in die Hände. Die Kinder räumten emsig die Sportgeräte weg und setzten sich aufmerksam in zwei Reihen vor der Lehrerin hin. Eine Reihe Jungen, eine Reihe Mädchen. Was den Rest des Sportunterrichts geschah, weiß ich nicht mehr.


Mein Kopf war beschäftigt mit der Frage, warum um alles in der Welt hier nach Geschlechtern getrennt wurde?! Und damit, wie es meinem zweiten Kind in so einer Situation gehen würde. Denn ich hatte es auf die Welt gebracht, in dem Glauben, es sei ein Mädchen. Aber schon zweieinhalb oder drei Jahre später erfuhr ich, dass das ein Irrtum gewesen war: “Alle sagen immer sie, aber ich bin doch ein Junge!”, waren die Worte, die, gar nicht für mich bestimmt, sondern vor sich selbst hingesagt, vom Fahrradkindersitz zu mir nach vorne schallten und mich fast vom Rad fallen ließen. Solche und ähnliche Aussagen gab es von da an immer wieder. Ich beschäftigte mich eingehend mit dem Thema. Und damit, wie Institutionen idealerweise damit umgehen sollten, um das Kind in seiner individuellen Entwicklung zu unterstützen.


In der Schule, bei der Hospitation, war nach dem Sportunterricht Frühstückspause im Klassenraum. Die Kinder aßen und plauderten und ich nutzte die Gelegenheit, die Lehrerin anzusprechen. Ob sie das denn immer so mache, mit der Jungen- und der Mädchenreihe? – Ja, das habe sich bewährt. Da wüssten alle, wo sie hingehörten, und könnten ihrer Anleitung in Ruhe folgen. – Was sie denn machen würde, wenn sich ein Kind in die andere Reihe setzen würde als die erwartete? – Das komme eigentlich nicht vor. Aber wenn, kein Problem, das regle dann schon die Gruppe!


Mein Entsetzen war groß. Ich stellte mir vor, wie das ablaufen würde. Und ich war froh, dass zunächst nur mein großes Kind in die Schule kam – in eine andere Lerngruppe! – und mir selbst noch ein bisschen Zeit blieb, mit Lehrer*innen und Schule zu sprechen.


Als das jüngere Kind dann später in der Schule war, hatte es eine Lehrerin, die sehr sensibel und förderlich mit dem Thema umging. Sie reflektierte ihr eigenes Verhalten und bemerkte, dass solche Einteilungen, die manche Kinder in schwierige Situationen bringen, recht häufig angewendet werden: Bei Meldeketten: Wer zuletzt dran war, bestimmt, wer als nächstes kommt. Immer abwechselnd: Junge/Mädchen! Bei der Wahl der Klassensprecher*innen: Ein Junge, ein Mädchen! Und in vielen anderen Situationen. Sie suchte nach Handlungsalternativen, denn oft ist diese Einteilung nicht nötig. Sie sprach mit dem Kind, bezog es in alle Entscheidungen mit ein, zog einen Schulpsychologen zu Rate, sprach sich mit uns Eltern ab, und hatte bei alldem immer das Wohl des Kindes im Blick. Das war einfach großartig!


In jeder Klasse gibt es eines oder mehrere Kinder, für die stereotype Mädchen- und Jungen-Bilder nicht passen. Auch wenn sie das nicht so deutlich äußern wie mein Kind zu der Zeit, es gibt sie. Und das sollten die Lehrkräfte bei der Konzeption ihres Unterrichts, bei der Sprache, die sie verwenden und den Angeboten, die sie erarbeiten, immer mit bedenken. Schon sprachliche Kleinigkeiten machen dabei einen großen Unterschied.


Im Rahmen des Hackathons #WirfürSchule haben wir mit vielen Menschen gesprochen, die sich schon aus ganz unterschiedlichen Gründen für Vielfalt in Schulen und anderswo einsetzen. Dank eines dieser Interviews mit einer Mutter zum Thema Vielfalt in Schulen haben wir diesen Blogartikel schreiben können.


Ihr wollt mehr über gendersensiblen Unterricht erfahren? Anbei eine Liste mit Literatur zum Thema und Beratungsstellen.


Weiterführende Informationen für Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter*innen, Schüler*innen und Eltern:

Informationen für Eltern:

  • Wenn Kinder anders fühlen – Identität im anderen Geschlecht (Brill/Pepper 2011)

  • Ihr transgeschlechtliches Kind (Flyer, QueerLeben)

Beratungsstellen:

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