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Interview mit Elif: Zuwanderungshintergrund, Diskriminierung & Mut, sie selbst zu sein

Aktualisiert: Feb 23


Elif ist ein einzigartiger Mensch, die mit Themen wie Flucht, Rassismus und chronischen Krankheiten schon im jungen Alter konfrontiert wurde. Aber Elif steht zu ihrer Identität und hat es geschafft, zu sich zu finden, Begegnungen mit Respekt zu erschaffen und ihre Stärken zu leben. Heute setzt sie sich für mehr Vielfalt und Toleranz ein. Über ihre Erfahrungen in der Kindheit sowie jetzt berichtet sie uns im Interview.


GemeinsamEinzigartig: Liebe Elif, kannst du dich einmal vorstellen und uns etwas über deinen Hintergrund erzählen?


Elif: Sehr gerne. Ich bin Elif, 29 Jahre alt und bin derzeit Studentin an der FU Berlin. Ich studiere Lehramtsfächer für ISS/Gym Sonderpädagogik und Politikwissenschaft. Ich gehöre zu den Familien, die aufgrund politischer Verfolgung 1995 nach Deutschland geflüchtet sind. Meine Familie hat fünf Jahre in der Gemeinschaftsunterkunft gelebt. Ich konnte bis zum Schuleintrittsalter kein einziges Wort Deutsch sprechen. Ich habe die Sprache erst ab der ersten Klasse gelernt. Dank meiner Nachbarin und dem Förderunterricht in der Schule konnte ich schrittweise Deutsch erlernen und mich in die Schule eingliedern.


GE: Erzähl uns mehr über deine Erfahrungen in der Schule. Wie hast du dich gefühlt? Wie war der Umgang mit deinen Mitschüler*innen auf den verschiedenen Schulen?


Elif: Ich habe leider nicht sehr viele positive Erinnerungen an meine Schulzeit. Ausgrenzung, Mobbing und Alltagsrassismus gehörten zu meiner Schulrealität. Ich hab mich nicht dazugehörig gefühlt. Hatte oft das Gefühl, dass meine Herkunft und der Glaube meiner Eltern etwas Schlimmes sei. Ich konnte nie verstehen, warum solche Unterschiede gemacht wurden.


Der Umgang mit den Mitschüler*innen war bis zu meiner Jugendzeit sehr schwierig. ab meinem 16. Lebensjahr gehörte ich zu der “coolen Clique” und war ein Teil der Gruppe. Ich wurde akzeptiert und respektiert. Nachdem ich meine Mittlere Reife erlangt habe, bin ich zum Gymnasium gewechselt. Dort war ich von Anfang an ein Teil der Gruppe und hatte nicht dieses Gefühl der Ausgrenzung.


GE: Gleichzeitig hattest du mit deiner chronischen Krankheit zu kämpfen. Wie bist du damit umgegangen und wie hat dein Umfeld reagiert?


Elif: Mit 17 Jahren bin ich an der chronischen Krankheit namens Colitis Ulcerosa erkrankt. Dieser Gedanke, lebenslang mit einer Krankheit zu leben, war für mich sehr schwer zu begreifen. Anfangs fiel es nicht auf, doch nach einer Zeit kamen die ersten Symptome. Ich war häufig krank und im Krankenhaus und habe dadurch den Anschluss zu meinen Mitschüler*innen verloren. Wenn die etwas unternommen haben, war ich entweder zu Hause am Lernen oder lag im Krankenhaus.


Für mich war die Zeit sehr anstrengend. Mein Umfeld hatte leider nicht sehr viel Verständnis. Es wurde gelästert und behauptet, dass ich meine Krankheit für bessere Noten ausnutzen würde. Ihnen war das Ausmaß meiner Erkrankung nicht klar. Mit den Worten, Vorwürfen und Einstellungen konnte ich nur schwer umgehen. Es hat mich sehr verletzt und ich musste danach eine Therapie beginnen, um meine Erkrankung akzeptieren zu lernen. Diese hat mir im Nachhinein sehr geholfen.


Heute bin ich selbstbewusst, ich gehe offen mit der Erkrankung um und die Menschen in meinem Umfeld fangen langsam an zu verstehen. Ich erhalte mehr Unterstützung und motivierende Worte.


GE: Gab es Vorbilder, mit denen du dich identifizieren konntest?


Elif: Es gab zwei große Vorbilder. In meiner Kindheit war Son Goku von DragonBall mein großes Vorbild. Seine Willenskraft und Stärke niemals aufzugeben, egal welche Hindernisse auftreten, haben mir geholfen die Schulzeit zu überstehen.

Ein weiteres Vorbild war meine Mathelehrerin/ Schuldirektorin der Realschule. Sie hat immer sehr viel Wertschätzung, Liebe und Respekt entgegengebracht. Diese Liebe hat mir geholfen, meinen Wert zu erkennen und mich selbst wertzuschätzen.


GE: Habt ihr in der Schule über das Thema Flucht oder unterschiedliche kulturelle Hintergründe gesprochen?


Elif: In der Schule wurden diese Themen leider nie thematisiert. Ein Grund, warum viele Schüler*innen negative Assoziationen damit haben, aufgrund der Medien und des familiären Umfelds.


GE: GemeinsamEinzigartig bringt Botschafter*innen verschiedener Vielfaltsdimensionen in den Unterricht, wo sie sich mit den Schüler*innen über persönliche Erfahrungen austauschen. Was hätte es für dich bedeutet, mit einer Botschafterin oder einem Botschafter im Bereich Migration und Flucht sprechen zu können?


Elif: Mir hätte es sehr viel gebracht. Diese Themen machen einen Teil meiner Identität aus. Diese Seiten konnte ich nie kennenlernen, weil ich nie die Möglichkeit des Austauschs hatte. Ich habe danach ein Seminar zu diesen Bereichen gehabt und so viel gelernt. Zum einen habe ich gelernt, welche Beweggründe die Menschen zur Flucht oder Migration angetrieben haben. Andererseits wohin die Menschen wandern und wie die aktuellen Zahlen dazu aussehen.


GE: Was möchtest du Schüler*innen mitgeben, die ähnliche Erfahrungen wie du machen?


Elif: Dass eine Zuwanderungsgeschichte nichts Negatives ist. Dass jede(r) Einzelne etwas Besonderes ist. Dass die Schüler*innen mit ähnlichen Erfahrungen ihre Identität nicht verleugnen sollten. Ihre Lebenserfahrungen, Kompetenzen und Persönlichkeit sind eine Bereicherung für die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die nur durch Vielfalt und Offenheit wachsen kann. Jede(r) trägt mit seiner/ihrer Geschichte dazu bei.


“Aus den Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.” Dieses Zitat von Erich Kästner zeigt, dass aus allen Herausforderungen die einem im Leben begegnen, etwas gelernt werden kann.


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