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Interview mit Katharina Hamisch

Aktualisiert: Juli 23


Katharina Hamisch ist freie Bildungswissenschaftlerin und widmet sich Innovationen und Transformationen im Bildungsbereich. Mit ihren unterschiedlichen Rollen in der Bildung und Wissenschaft bringt sie eine spannende Perspektive auf die Schule von Heute und Morgen mit ein.


Du hast den YouTube Kanal „Bildung on Tour“ gestartet. Woher kommt deine Leidenschaft für Bildung?

Diese Leidenschaft kommt vor allem aus meiner Schulbiografie. Auf der einen Seite war ich ein junger Mensch mit vielen Interessen und Zielen. Auf der anderen Seite hatte ich immer das Gefühl, kaum etwas davon im Schulalltag ausleben zu können. Meine Klassenlehrerin in der 5. Klasse sagte einmal (sinngemäß) zu meiner Mutter: „Katharina strengt sich immer nur an, wenn sie sich für etwas interessiert.“ Anstatt die Interessenorientierung als etwas positives zu sehen, sie zu bestärken und als Lernanlässe zu nehmen, wurde ich als Schülerin zurechtgewiesen, dass es falsch ist, sich nicht für alles zu interessieren oder sich in jenen weniger interessanten Bereichen nicht anzustrengen. Dadurch fühlte es sich häufig so an, als würde Schule nichts mit mir zu tun haben.

Dieses Gefühl ist die Basis des Bedürfnisses, Schule besser gestalten zu wollen. Als junge Erwachsene wollte ich dieses Ziel zunächst als Lehrerin umsetzen. Im Lehramtsstudium musste ich jedoch feststellen, dass es zwar spannende Schulkonzepte, wie bspw. aus dem Bereich der Reformpädagogik gibt, jedoch hat mir der Input in dieser Richtung im Studium nicht ausgereicht. Also habe ich das Lehramtsstudium auf eigenen Wunsch beendet und mich der Erziehungswissenschaft und Soziologie zugewendet. Im Rahmen dieses Studiums bekam ich dann die Werkzeuge in die Hand, die es braucht, das Schulsystem in seinen Strukturen und Prozessen zu verstehen sowie Bildungsvisionen zu entdecken oder zu entwickeln. So spezialisierte ich mich bereits im Studium auf die Themen Schulentwicklung, Bildungstheorien sowie Utopien und Innovationen im Bildungsbereich.

Heute gebe ich dieses analytische Wissen weiter, damit Akteure im Bildungsbereich in die Lage versetzt werden, abseits bekannter Denkstrukturen zu denken und ihre eigenen Fähigkeiten einzusetzen, das Schulsystem oder erstmal die eigene Schule und den eigenen Unterricht entsprechend der Anforderungen der heutigen Zeit und der Fähigkeiten und Bedürfnisse der jungen Generationen zu gestalten.



Worum geht es im Projekt „Bildung on Tour“?

Im Kernformat des Projekts „Bildung on Tour“ reise ich zu Bildungsinnovationen und stelle sie auf YouTube-Videos vor. Dazu zählen Schulen mit innovativen Konzepten, Bildungsstartups mit besonderen Erfindungen oder Vereine, die sich innovativ im Schulsystem engagieren. Es gibt aber auch weitere Formate rund um Innovationen und Transformationen im Bildungsbereich. Es lohnt sich also mal auf YouTube und Instagram vorbei zu schauen.


Was willst du mit „Bildung on Tour“ erreichen?

Mein Ziel ist, das Möglichkeitsdenken im schulischen Bereich zu stärken. Ich glaube, wir haben viel Potenzial im Schulsystem, was noch nicht genutzt wird. Über die Sichtbarmachung der besonderen Projekte und der Vermittlung des nötigen Wissens zu Transformationsprozessen im Bildungsbereich können schulische Akteure entdecken, was alles möglich ist. Vielleicht probieren sie die ein oder andere vorgestellte Idee aus oder sie werden darin bestärkt, ihre eigenen Ideen weiterzuentwickeln und umzusetzen.

Zudem soll sichtbar werden, wie viele Menschen daran arbeiten, dass das Schulsystem für die Herausforderungen der heutigen Zeit umgestaltet wird. Ein weiterer wichtiger Effekt ist, dass man sich mit den eigenen innovativen oder kreativen Ideen nicht allein im System fühlt. Man findet Verbündete.



Du begleitest außerdem als freie Bildungswissenschaftlerin Pädagog*innen dabei, das Schulsystem zeitgemäßer zu gestalten. Was machst du da genau, wie kann das aussehen?

Genau. Schulen oder einzelne Lehrkräfte können mich für eine Begleitung oder Beratung buchen. Auch Webinare biete ich zukünftig über meine Webseite an. Das Ziel ist die Prozessgestaltung hin zum zeitgemäßen Unterricht und zur zeitgemäßen Schulkultur. Wichtig ist mir dabei, den Schulen und Lehrkräften nicht vorzuschreiben, was sie in ihrer Praxis umsetzen sollen. In meinen Augen gibt es nicht das eine richtige Konzept des zeitgemäßen Unterrichts oder der zeitgemäßen Schule. Darum unterstütze ich Lehrer*innen dabei, ihre Fähigkeiten und Ressourcen zu entdecken und einzusetzen, damit sie die moderne Variante ihres eigenen Unterrichts und ihrer eigenen Schule entwickeln können.



Was gehört für dich zu einem neu gedachten, innovativen Schulsystem?

Das ist eine schwierige und große Frage. Das liegt wohl auch an der Vielfalt, die auf allen Ebenen im System möglich sind. Zudem ist die Gesellschaft heute so digital und global, wie nie zuvor. Das hat unterschiedlichste Effekte, wie Klimawandel, Artensterben, aber auch die Arbeitswelt 4.0 und das damit verbundene Zusammenarbeiten mit KI und Robotern.

Junge Menschen sollten in meinen Augen in einem zeitgemäßen Schulsystem auf diese neuen gesellschaftlichen Bedingungen vorbereitet werden. Nicht nur, um Fähigkeiten für die neue Arbeitswelt auszuprägen, sondern auch, um mit den Herausforderungen, die der Weltgesellschaft heute gegenüberstehen, umgehen zu können.


Zunächst müsste sich der Umgang mit Wissen zu einem großen Teil ändern. Wissen ist heute jederzeit verfügbar. Die reine Wissensvermittlung scheint dadurch nicht mehr allzu relevant zu sein. Allerdings besteht heute die Schwierigkeit darin, wie man sich dieses Wissen aneignet und damit umgeht. Es scheint also heute viel wichtiger, gute Fragen zu stellen, zu recherchieren, fachlich verlässliche Quellen von nicht verlässlichen Quellen unterscheiden zu können und das Wissen in verschiedene Kontexte zu integrieren.


Wie sähe das in der Praxis aus?

Was würde das für die Rolle der Lehrpersonen bedeuten, wenn die Wissensvermittlung nicht mehr die primäre Aufgabe ist? Die Lehrpersonen würden zu Lernbegleiter*innen werden. Sie geben den Schüler*innen den nötigen Raum, ihren eigenen Fragen nachzugehen und helfen bei der sinnvollen Gestaltung der Lern- und Entwicklungsprozesse. Damit würde die pädagogische Komponente der Lehrer*innen-Profession deutlich in den Vordergrund rücken.

Zudem ist die Frage, ob das abgeschlossene Denken in einzelnen Fächern noch zeitgemäß ist. Schauen wir auf die vielen gesellschaftlichen Herausforderungen, die wir in der Welt haben. Die jüngeren Generationen brauchen vor allem die Fähigkeit, Lösungen für globale Problemlagen zu finden und diese Lösungen umsetzen zu können. Es wird bspw. vorgeschlagen, Schule eher projektorientiert in Kombination mit Kreativitätstechniken umzusetzen. Dadurch werden das mehrperspektivische und das komplexe Denken sowie die Reflexivität gefördert.

In der heutigen Arbeitswelt brauchen wir Menschen, die sowohl kreativ und lösungsorientiert, als auch disziplinübergreifend und mit vielfältigen Persönlichkeiten zusammenarbeiten können. Dies würde auf der systemischen Ebene für eine gemeinsame Schule für alle sprechen. Eine Schule, in der Menschen mit vielfältigsten Lebenswelten zusammenleben und arbeiten.

All dies sind aktuelle Ansätze – und hier erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit –, die die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen aufnehmen und in die Welt der Schule übersetzen. Zu finden sind sie unter Begriffen, wie beispielsweise dem 4k-Modell des Lernens, dem agilen Lernen oder der Forderung nach einer Gemeinschaftsschule im Kontext der Inklusion. Inwiefern das in der Breite des Schulsystems ankommen wird, wird die Zeit zeigen. Allerdings haben sich bereits viele Einzelschulen auf den Weg gemacht.



Welche Rolle spielt für dich Vielfalt dabei?

Vielfalt bildet meines Erachtens das Fundament eines guten, auf die Würde und Individualität des Menschen ausgerichteten Schulsystems. Auf der systemischen Ebene denke ich da an das Ernstnehmen der Menschenrechte. Auf der schulpraktischen Ebene bedeutet es, alle schulischen Akteure in den jeweiligen Prozessen zu beteiligen. Dabei hilft es, sich immer wieder die Fragen zu stellen, wie: „Wer ist gerade nicht dabei? Wer gestaltet gerade nicht mit?“.

Aber auch auf der Möglichkeitsebene hilft es, sich der Ressourcen, die in der einzelnen Schule vorhanden sind, bewusst zu werden und diese zur Weiterentwicklung der eigenen Schule kreativ einzusetzen. Die vielen verschiedenen Menschen an einer Schule haben vielfältige Fähigkeiten und Ideen. Werden sie im Schulleben eingebunden, führen sie zu einer bunten Gestaltung der eigenen Schule.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch die Forderung nach einer gemeinsamen Schule für alle. Der Lebensweg würde über die Schulwahl im Alter von 10 Jahren nicht mehr vorbestimmt werden. Schüler*innen, Eltern und Lehrer*innen könnten sich ganz auf die Entwicklung der Kinder und Jugendliche konzentrieren, ohne dem Druck der verschiedenen Schulformen ausgesetzt zu sein. Eine gemeinsame Schule für alle würde viel mehr Varianz, Farbe und Flexibilität in der Bildungsbiografie und in der Gestaltung von Schule ermöglichen.



Wie bringst du deinen wissenschaftlichen Hintergrund mit ein?

Die Bildungswissenschaft gibt mir das notwendige analytische Wissen, die gegenwärtige schulische Praxis einzuordnen und innovative Möglichkeiten auszuloten. Schauen wir beispielhaft auf drei verschiedene Perspektiven:

Die historische Perspektive hilft mir zu verstehen, warum das gegenwärtige Schulsystem so notwendig war und warum es aus der Perspektive der Gesellschaft von heute weiterentwickelt werden sollte. Die systemtheoretische Perspektive zeigt mir auf, warum das System wie funktioniert und welche Zusammenhänge im System bestehen. Auch für dessen Erhalt. Schauen wir auf die Perspektive von Bildung, Lernen und Wissen, so wird in deren Kombination mit der heutigen Gesellschaft sichtbar, wie Bildung, Lernen und Wissensaneignung bereits in den Lebenswelten junger Menschen funktionieren, aber eben noch nicht in der Schule angekommen ist.

Dadurch, dass mein Lebensweg von verschiedensten pädagogisch-praktischen Erfahrungen geprägt ist, bringe ich die Bildungswissenschaft mit dem Wissen um Effekte des alltäglichen Handelns zusammen. Alles zusammen eröffnet – so hoffe ich – den Follower*innen und Zuschauer:innen auf Instagram und YouTube spannende Perspektiven auf mögliche Gestaltungen zeitgemäßer Bildungsprozesse und -strukturen.



Was sind deine bisherigen Erfahrungen im Umgang mit Lehrer*innen sowie Schüler*innen?

Da gibt es viele ;) Ob als Betreuerin in Ferienlagern, als Praktikantin an Schulen, im Hort, im Kindergarten oder der GEW, als Lehramtsstudentin, als Mathe-Referentin in einem Camp für Schüler*innen, die Schwierigkeiten mit der Schule haben, als Schulbegleiterin an einer Grundschule, als Unterstützerin eines Bildungs-Startups, als Dozentin für Lehramtsstudierende und Schulbegleiter*innen oder als wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Qualitätssicherung der Lehramtsstudiengänge in Sachsen oder in einem Projekt zur Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen, habe ich schon einige Erfahrungen in und um Schule mitnehmen dürfen.

In der Zusammenarbeit mit Schüler*innen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie sehr dankbar sind, wenn sie wahrgenommen werden und sich entsprechend ihrer Persönlichkeit entfalten können. Dann gibt es auch kaum noch Probleme beim Befolgen von sozialen oder institutionellen Regeln, was eventuell befürchtet werden könnte, wenn Schüler*innen mehr Freiraum gegeben wird. Das zeigen auch jene Schulen, die besonders herausstechende Schulkonzepte umsetzen, indem sie ihren Schüler*innen Vertrauen entgegen bringen und ihnen viel Gestaltungsfreiraum geben.

Wenn ich an die Erfahrungen in Expert*innen-Interviews mit Lehrpersonen denke, als ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Paderborn war, fallen mir vor allem Lehrer*innen mit visionären und innovativen Ideen zur Gestaltung ihrer Schule ein. Auf der einen Seite war ich überrascht, dass an jeder Schule, in der ich die Interviews geführt habe, innovative Lehrpersonen sichtbar wurden. Auf der anderen Seite wurde auch deutlich, dass sich jene Lehrpersonen kaum ihrer innovativen Kraft und ihrer großartigen Ideen bewusst waren. Im Alltag reiben sie sich nicht selten an den Kolleg*innen auf, die weniger engagiert sind oder keine Kraft haben (wollen), ihre Schule oder ihren Unterricht weiterzuentwickeln. Ich denke, es ist sehr wichtig, den innovativen Lehrpersonen bewusst zu machen, welchen Ideenreichtum und welche Kräfte in ihnen schlummern und wie sie es schaffen, ihre innovativen Ideen zum Leben zu erwecken.



Wie denkst du heute an deine eigene Schulzeit zurück?

Wie viele bin ich froh, dass meine Schulzeit vorbei ist. Sie war weder schrecklich noch besonders gut. Die Zeit war davon geprägt, die Rolle der Schülerin auszufüllen, also das zu lernen, was die Lehrpersonen gerade für wichtig halten und sich mit den Themen zu beschäftigen, die gerade im Sinne des Lehrplans „dran“ waren. Das waren Konzepte, die ich als Schülerin nicht verstanden habe. Wenn es doch darum geht, sich Wissen und Fähigkeiten anzueignen, warum darf ich dann keine weiterführenden Fragen stellen? Und warum darf ich mich nicht mit den Themen befassen, die mich interessieren?

Andererseits bin ich auch froh, dass die Schulzeit so war, wie sie war. Denn daraus ist der tiefe Wunsch gewachsen, Schule besser gestalten zu wollen.

Vielen Dank für das Interview! Wir haben uns sehr gefreut, dieses Gespräch mit Katharina führen zu können. Auch wir als GemeinsamEinzigartig sind der Meinung, dass Schule ein Ort sein sollte, an dem sich jede*r so entfalten kann, wie er oder sie sich am wohlsten fühlt. Vielfalt soll aktiver Teil der Schulzeit sein und erlebt werden. Mit den Workshops unserer Vielfalts-Botschafter*innen möchten wir ebenfalls dazu beitragen.

Wollt ihr mehr über Katharina und “Bildung on Tour“ erfahren? https://katharinahamisch.de Hier findet ihr alle Videos: https://m.youtube.com/channel/UCgz2sBZWEAnzi08bFLHywPw

Sowie ihre Instagram Seite: https://instagram.com/bildungontour?utm_medium=copy_link


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