Regenbogenfamilien – Homo- und Trans-Phobie im Alltag

Mein Bruder hat ein Kind, fünf Jahre alt. Seine neue Freundin hat zwei Kinder, drei und sieben Jahre alt. Wenn die beiden mit ihren drei hellblonden, fröhlichen Orgelpfeifenkindern in der Öffentlichkeit unterwegs sind, zwinkern ihnen ältere Leute wohlwollend zu. Ihnen werden Fahrstuhltüren geöffnet, damit sie Kinder, Kinderwagen und Laufräder reinbugsieren können. Wenn sie händchenhaltend hinter ihrer tobenden Rasselbande herspazieren oder sich gar küssen, kann man auf den Gesichtern der Menschen ablesen, dass sie sich mit ihnen freuen. Sie entsprechen dem Bild einer heilen, weißen, deutschen, heteronormativen Familie.


Mein Bruder kann es immer noch nicht fassen. “Für mich ist es das erste Mal, dass ich in der Öffentlichkeit Händchen halten kann, ohne Angst, angepöbelt zu werden. Zum ersten Mal schaue ich mich beim Spazieren gehen nicht um, bevor ich den Arm um meine Partnerin lege. Jetzt weiß ich, wie sich das für Hetero-Paare anfühlt.”


Mein Bruder ist ein trans Mann*. Bevor er Hormone genommen hat, wurde er immer komisch angeguckt, weil Menschen ihn nicht einfach in die üblichen männlich/weiblich-Schubladen stecken konnten. Oder, wenn er als Mann gelesen wurde, weil der Name auf der EC-Karte nicht zum Gesicht passte. Oder, weil sein Alter aufgrund seines Aussehens viel jünger geschätzt wurde (das geht vielen trans Männern so, die keine Hormone nehmen). Manchmal führte das zu lustigen Begebenheiten. Beim Zigarettenkauf, als die die Verkäuferin mit hochgezogenen Augenbrauen fragte “Ja, sind wir denn schon sechzehn?!” – “Äh, ich weiß nicht, wie alt Sie sind, aber ich bin 34!”


In den meisten Fällen war es vor allem nervig und lästig. Oft aber auch bedrohlich und manchmal sogar gefährlich. In seiner vorherigen Beziehung war er mit einem Mann zusammen und er selbst wurde auch als Mann wahrgenommen. Wenn sie zusammen unterwegs waren, haben sie selten Händchen gehalten. Und sich geküsst schon gar nicht. Doch nicht in der Öffentlichkeit. Angepöbelt wurden sie trotzdem. Und wenn sie mit ihrem gemeinsamen Kind unterwegs waren, wurde gefragt “Ja, wo ist denn die Mama?!”. Eine ehrliche Antwort (ich habe das Kind geboren / wir beide sind die Väter / die gibt es nicht …) hätte die meisten der Fragenden wohl überfordert und zugleich ein Outing bedeutet.**


Ich wusste das alles natürlich schon lange. Aber was das tatsächlich im Alltag bedeutet, wenn Anfeindungen, feindselige oder verständnislose Blicke und Gesten allgegenwärtig sind, sobald du das eigene Zuhause verlässt, kann ich als weiße, heterosexuelle cis-Person nicht nachempfinden. Erst als mein Bruder das so deutlich in Worte gefasst hat, durch den Unterschied, den er jetzt so bewusst erlebt, habe ich das ein bisschen besser begriffen.


Deshalb ist es mir wichtig, dass wir von GemeinsamEinzigartig persönliche Begegnungen mit Menschen ermöglichen, deren Alltagserfahrungen von denen der Schüler*innen abweicht. Individuelle Erzählungen von Menschen und persönlicher Austausch können mehr bewirken als jeder Text in einem Lehrbuch.



* Trans Mann / FTM: Der Begriff “trans Mann” bezeichnet eine trans Identität, bei der sich eine Person, die bei der Geburt nicht als männlich zugewiesen wurde, als männlich identifiziert. Die Abkürzung FTM steht für ‚female to male‘, also ‚weiblich zu männlich‘ dieser Begriff wird aber von der trans Community oft abgelehnt; der Begriff trans Mann verdeutlicht besser, dass es sich bei diesen Menschen um Männer handelt. (Quelle: https://queer-lexikon.net/2017/06/15/ftm/, 12.11.2020)


** Dabei ist das eigentlich nicht so schwer zu verstehen. Im Buch “Wie Lotta geboren wurde”, erzählen die Autor*innen Cai Schmitz-Weicht und Ka Schmitz in Worten und Bildern, wie ein Baby im Bauch seines Vaters gewachsen ist. Und es ist, wie es auf dem Klappentext heißt, “… gar nicht so kompliziert, wie manche Erwachsene denken.” https://atelier-neundreiviertel.de/project/wie-lotta-geboren-wurde/


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