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„Idiot“, „Arschloch“, „Spacko“ – 7 Dinge, die ihr sicher noch nicht über Schimpfwörter wusstet

Aktualisiert: Juli 30

Schimpfwörter gehören zu unserem Alltag. Es vergeht kein Tag, an dem auf Schulhöfen, im Büro, im Auto oder sogar im Bundestag nicht eine Vielzahl an Schimpfwörtern zu hören ist. Schimpfen und Fluchen sind wichtig für uns - allerdings sind viele der Begriffe abwertend gegenüber anderen Menschen oder Menschengruppen. Für uns vom Team GemeinsamEinzigartig ist es wichtig, Schimpfwörter und herabsetzende Sprache zu thematisieren und über ihre Bedeutung sowie Wirkung zu sprechen. Daher haben wir für euch einmal die wichtigsten Fakten über Schimpfwörter gesammelt.


Schimpfwörter gibt es schon sehr lange: Geschimpft und geflucht wurde eigentlich schon immer. Schon im antiken Griechenland und im alten Rom war man bei Schimpfwörtern nicht zimperlich und auch im Mittelalter war der Fundus äußerst umfangreich [1]. 1839 erschien das Deutsche Schimpfwörterbuch mit klangvollen Bezeichnungen wie „Milchsuppengesicht“ oder „Faulbauch“ [2].


Schimpfwörter ändern sich: Wir fluchen heute anders als noch vor einigen Jahrzehnten – die Sprache wird sexualisierter und ist heute oft frauenfeindlich. Sexualisierte Ausdrücke wie „fuck“ oder „gefickt sein“ lösen die bei Deutschen bisher beliebte Fäkalsprache wie „scheiße“, „Arsch/ Arschloch“ oder „am Arsch sein“ ab. Dabei übernehmen wir immer mehr auch Ausdrücke aus anderen Kulturen [3].

Schimpfwörter können Positives und Negatives bewirken: Fluchen ist eine hilfreiche Reaktion auf Emotionen wie Schmerz, Frustration, Stress oder Überraschung. Studien haben gezeigt, dass Fluchen und Schimpfen unempfindlicher gegen Schmerz macht. Die Kraftausdrücke sorgen offenbar für eine Stressreaktion im Körper, bei der Adrenalin ausgeschüttet wird, was die Schmerztoleranz erhöht. Das Beschimpfen anderer ist auch eine Ersatzhandlung, die verhindern kann, dass wir andere in unserer Wut tatsächlich angreifen [4].


In anderen Fällen können Schimpfwörter Situationen zum Eskalieren bringen und die Hemmschwelle für körperliche Gewalt senken [5] und sie können Schmerzen verursachen. Sie sollen Ungleichheiten verfestigen, andere verletzen und herabsetzen, diskriminieren und ausschließen, wie beispielsweise bei rassistischen, sexistischen, homophoben oder auf Behinderungen bezogenen Herabwürdigungen [4].

Wir gewöhnen uns an Schimpfwörter: Werden Schimpfwörter häufiger wiederholt und damit gebräuchlicher, gewöhnen wir uns daran. Sie gehen mehr und mehr in den Sprachgebrauch über und werden verwendet, ohne dass man sich die eigentliche Bedeutung bewusst macht. „Behindert“ und „schwul“ werden beispielsweise oft ohne Bezug auf die eigentliche Bedeutung für andere Menschen, Gegenstände und Situationen verwendet – dennoch geht es dabei um Geringschätzung und Herabsetzung [4].


Studien kamen in diesem Zusammenhang zu dem Ergebnis, dass die Verwendung schwulenfeindlicher Beschimpfungen nicht zwangsläufig mit einem homophoben Weltbild einhergeht. Oft übernehmen Jugendliche einfach unhinterfragt die Ausdrücke, die sie von anderen hören. Wird dies nicht thematisiert und offen behandelt kann sich eine homophobe, rassistische und ausgrenzende Wortkultur entwickeln [4].

Wir sind uns der Bedeutung von Schimpfwörtern nicht mehr bewusst: Dass wir uns der eigentlichen Bedeutung gar nicht mehr bewusst sind, zeigt sich in vielen Begriffen. „Mongo“ zum Beispiel ist eine Kurzform für „mongoloid“, eine veraltete und abwertende Bezeichnung für Menschen mit Trisomie 21 („Down-Syndrom“). „Spacko“ oder „Spasti“ sind Bezeichnungen für Menschen mit einer Spastik – einer erhöhten Muskelspannung in den Extremitäten, die zu einer typischen Haltung führt. Die Begriffe werden heute ohne eigentliches Wissen über die Herkunft als Beleidigung für andere Menschen verwendet. Das Wort „Krüppel“ war bis in das 20. Jahrhundert hinein eine neutrale Bezeichnung für Menschen mit einer Behinderung – heute unvorstellbar. Auch „Missgeburt“, „Pflegefall“ oder „Wasserkopf“ (Menschen mit „Hydrocephalus“) werden extrem beleidigend verwendet und untermauern eine behindertenfeindliche Sprache [6].

Schimpfwörter treffen nicht nur die Angesprochenen: In vielen Fällen sind sich insbesondere Jugendliche der Wirkung ihrer Wortwahl gar nicht bewusst – was diese jedoch nicht abschwächt. Dabei sind nicht nur die Angesprochenen selbst betroffen, denn die herabwürdigende Wirkung kann die Einstellung gegenüber bestimmten Gruppen verschlechtern – auch bei Mitgliedern der Gruppe selbst [4]. So gibt es beispielsweise homonegative Einstellungen auch bei Menschen, die homosexuell oder bisexuell sind [7]; bereits Kinder – egal welcher Hautfarbe – bezeichneten im oft zitierten “Doll Test” aus den 1940er Jahren eine hellhäutige Puppe als liebe, schöne und kluge Puppe, während die dunkelhäutige Puppe als hässlich und böse empfunden wurde [8].

Ein Leben mit einer Behinderung, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, eine bestimmte Hautfarbe oder eine homosexuelle Beziehung werden damit – bewusst oder auch unbewusst - als weniger wertvoll, fehlerhaft und teilweise auch als nicht zugehörig betrachtet. Dadurch entstehen sprachlich vermittelte Barrieren, Vorurteile und Diskriminierungen. – Wie soll ich mich dem Menschen mit einer Behinderung gegenüber verhalten, den ich bisher nie kennen gelernt aber so oft verspottet habe? Was darf man denn überhaupt sagen?

Schulen können Schimpfwörter offen thematisieren. Es braucht in Schulen Sensibilität gegenüber diskriminierenden und herabwürdigenden Beschimpfungen. Andernfalls wird eine bestimmte Wortwahl immer mehr „alltagstauglich“. Wir sind der Meinung, dass deshalb über diese Themen offen gesprochen werden muss – mit Menschen, die Expert*innen dafür sind und Wissen vermitteln können oder Menschen, die Ausgrenzung und Diskriminierung selbst erlebt haben. Wir glauben, dass der frühe Kontakt und die Auseinandersetzung mit Themen der Diversität Schüler*innen und auch Lehrer*innen sensibilisieren können und dass Sprache ein wichtiger Schlüssel zu Vorurteilen und Barrieren ist. Deshalb haben wir GemeinsamEinzigartig gestartet, um zu diesen Themen eine offene Diskussion in Schulen zu starten.


Quellen:


[1] https://www.telemachos.hu-berlin.de/latlex/s7.html

[2] https://sternenvogelreisen.de/schimpfwoerter-deutsche-historische-alte/

[3] https://www.zdf.de/nachrichten/heute/wie-sich-schimpfwoerter-aendern-du-arsch-ist-out-100.html

[4] https://www.tagesspiegel.de/wissen/urspruenge-von-hass-und-ablehnung-die-kraft-der-beleidigung/24924012.html

[5] https://www.gew.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=24451&token=774de92d6873c50ef598456c97db229c5114b487&sdownload=

[6] https://leidmedien.de/begriffe/

[7] https://www.psychologie-heute.de/beziehung/40574-wenn-homosexuelle-sich-ablehnen.html

[8] https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=tkpUyB2xgTM

https://www.tagesspiegel.de/kultur/die-farbe-schwarz-politik-und-pigmente/1289594.html


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