• Ulrike Grandi-Haferstroh

Vorgestellt: Kübra Gümüşay “Sprache und Sein”


Seit ich selbst lesen kann, bin ich von der Wirkung von Sprache fasziniert. Mich hat diese Faszination durch mein Germanistik- und Publizistikstudium begleitet, den Rahmen gebildet für meine Magisterarbeit und gewinnt jetzt durch die Arbeit für GemeinsamEinzigartig noch einmal viel mehr an Bedeutung! Wir wissen um unsere Verantwortung, Sprache bewusst zu verwenden. Sie kann verbinden und ausgrenzen. Sprache schafft Realität.


Aber wie funktioniert das? Wie sehr beeinflusst Sprache unsere Wahrnehmung und unser Denken? Wie können wir lernen, unsere Perspektive zu verlassen und uns anzuhören, wie unsere Sprache, die Realität von anderen, von Minderheiten, prägt? Und gibt es so etwas wie eine freie Sprache? Wie können wir sie entwickeln?

Kübra Gümüşay ist Journalistin, politische Aktivistin, Muslimin und Autorin. Sie macht sich in ihrem Buch “Sprache und Sein” auf die Suche nach Antworten und teilt sie mit uns. Mich hat besonders beeindruckt, mit welcher Klarheit und Eindeutigkeit sie das Problem der Sprachmacht von Mehrheiten erklärt.


“Lassen Sie uns Sprache als einen Ort denken. Als ein ungeheuer großes Museum, in dem uns die Welt da draußen erklärt wird.” (S. 53) In diesem Museum, sagt Kübra Gümüşay, gibt es zwei Kategorien von Menschen: Die Benannten, die dort bezeichnet und kategorisiert werden sollen, und die Unbenannten, die Norm, die deren Existenz nicht hinterfragt, nicht kommentiert wird. Sie selbst ist eine Benannte. “Eine, die untersucht, analysiert, inspiziert wird.” (S. 57)


Kübra Gümüşay berichtet davon, wie es für sie ganz persönlich ist: Die Persönlichkeiten in den verschiedenen Sprachen. Die Trennung von Gefühl/Sein und Sprache, durch das ewig Erklären müssen. Sie teilt auch die erfahrene Befreiung, nicht mehr stellvertretend für alle Muslim*innen sprechen zu wollen. Sie beschreibt, was passiert, wenn Menschen in unserer Gesellschaft mit Kollektivbezeichnungen belegt und als “fremd bezeichnet werden. Die ihrer Individualität beraubt werden. Ihrer Einzigartigkeit. Ihrer Gesichter. Ihrer Menschlichkeit.” (S. 59) Menschen werden so als Individuen unsichtbar.


“Ein Stereotyp ist wie ein Panzer. Doch er schützt nicht diejenigen, die ihn tragen, sondern die Ignoranz der Außenstehenden.” (S. 69) Sie schreibt wunderbar bildlich, eindringlich und poetisch. Und immer wieder sehr persönlich. Absolut lesenswert ihre Überlegungen zur Individualität als Privileg, über die Zugehörigkeit, die durch das Sprechen entsteht oder eben verwehrt wird, genauso wie über die politisches Dimension des Ungesprochenen, dieser Lücke zwischen Sprache und Welt oder die Agenda der Rechten.

Sie bezieht sich ähnlich wie Alice Hasters in “Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber hören sollten" auf andere Autor*innen vor ihr, auf Wissenschaftler*innen, Blogger*innen und Aktivist*innen, aber auch immer wieder auf Lyriker*innen und Künstler*innen, von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit Betroffene, wie auch nicht Betroffene.

Das Ergebnis: Eine mächtige Sammlung an vielen verschiedenen Perspektiven, die notwendig ist, um die Wahrnehmung der Gesellschaft zu ändern (S. 161) als einer der Schritte, um das freie Sprechen zu ermöglichen.


Diese Vielfalt der Perspektiven und Stimmen, ist etwas, was auch unser GemeinsamEinzigartig-Team antreibt. Wir sind überzeugt, dass die bewusste Darstellung von Vielfalt und ihre Ausdrücke, dazu beiträgt Kindern und Jugendlichen Perspektiven zu vermitteln, mit denen sie sonst nicht in Berührung kommen.


“Ein Ort, an dem alle frei sprechen können.” (S. 146) Das Museum der Sprache ohne Trennung in Benannte und Unbenannte, “ohne ein unhinterfragte Norm, weil alle Menschen zugleich Benennende und Benannte sind” - das ist Kübra Gümüşays Vision. Dabei zeigt sie Möglichkeiten auf, wie wir alle unser Sprechen befreien können und uns wirklich von Mensch zu Mensch begegnen können. Mich hat beim Lesen sehr berührt, wie sie von ihrem eigenen Weg erzählt, wie sie sich die Sprache erobert, sich von einer Sprache emanzipiert, die “uns nicht vorsieht - indem wir sie verändern, anstatt uns zu erklären …”. (S. 159) Kübra Gümüşay bleibt dabei unglaublich offen und positiv. Ihr Vision ist eine, in der sie alle einschließt. Eine, in der ich Teil des Wandels sein kann. Eine “in der alle gleichberechtigt sprechen und sein können.” (S. 183)


Das Buch: Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. 2020 - Hanser Berlin

Über Kübra Gümüşay: https://kubragumusay.com/


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